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57.000 SCHRITTE DURCH NEW YORK
Mein Run For Alzheimer Südtirol
Projekt beim NYC-Marathon 2019
Als mir mein Sohn Benjamin (31) im November 2018 erzählte, ein großer Traum von ihm sei es, mit mir zusammen einen Marathon zu laufen, erklärte ich mich spontan dazu bereit. Doch er meinte dabei nicht irgendeinen Marathon, sondern den New York City Marathon ein Jahr später, am 3. November 2019. Mir wurde erst kurze Zeit darauf klar, worauf ich mich bei diesem Vorhaben eingelassen hatte. Doch es gab kein Zurück mehr, versprochen war versprochen.
Der Plan
Ich lief in meiner Laufkarriere insgesamt 29 Marathons, den letzten im April 1988. Da war Benjamin gerade mal einen Monat alt. Doch es half nichts, es gab keine Ausreden. Benjamin begann in Wien zu trainieren, wo er mittlerweile wohnt, und ich daheim in Montan, unter der Anleitung und Kontrolle meines Freundes Patrick, Inhaber eines Fitness-Studios in Tramin, welcher mir ein spezielles und individuell angepasstes Fitnessprogramm aufstellte.
Meinen älteren Sohn Thomas (34) wollte ich bei dem Projekt als Fotograf und Betreuer mitnehmen, aber er überraschte mich kurze Zeit später mit der Frage, ob es denn auch für ihn noch eine Startnummer gäbe. Wow, das war noch mehr Motivation für mich, die ganze Sache ernst zu nehmen.
Als unser Plan meiner Tochter Laura (26) zu Ohren kam, fühlte sie sich beinahe etwas „diskriminiert“, da sie nicht in das Projekt miteinbezogen worden war. Daraufhin legte ich ihr zu Weihnachten einen Gutschein für die gemeinsame Reise nach New York unter den Christbaum.
Die Idee
Ich lief 1979 als erster Südtiroler den NYC Marathon. Das Vorhaben, gemeinsam mit meinen Kindern 2019 dort noch einmal zu laufen, würde somit genau vierzig Jahre später stattfinden. Bei diesen Überlegungen kam mir der Gedanke, das Projekt zu diesem Jubiläum einem speziellen Zweck zu widmen. So wurde Run For Alzheimer Südtirol ins Leben gerufen.
Jeder gelaufene Marathon-Kilometer sollte Spenden für Alzheimer-Patienten einbringen. Mit dieser Idee konnte ich sehr viele Menschen für das Projekt begeistern, unter anderem Landeshauptmann Arno Kompatscher, die Sportgrößen Dorothea Wierer, Dominik Windisch und Peter Fill oder auch Norbert Rier von den Kastelruther Spatzen. Ein ganz besonderes Erlebnis war es, als mir eine unbekannte Dame am Waltherplatz in Bozen einen 20-Euro-Schein in die Hand drückte und sich für das Hilfsprojekt bedankte. Auch die bekannte Liedermacherin Barbara Zanetti aus Kaltern war von der Idee so angetan, dass sie einen eigenen Song für mich schrieb – „Run For Life“.
Ebenso begeistert waren zwei junge Studenten und Filmemacher aus Klausen, Julian Tschager und Andreas Augschöll, welche sich die Reisespesen nach New York aus eigener Tasche bezahlten, um einen Film über unser Projekt drehen zu können.
Die Vorbereitungen
Die Vorbereitungen für den großen Tag liefen anfangs wie gewünscht. Jeder von uns absolvierte sein tägliches Trainingsprogramm. Doch dann stellten sich bei mir Komplikationen ein. Ich bekam eine hartnäckige Achillessehnenentzündung am linken Fuß. Im Juli musste ich es mir schließlich eingestehen: Ich konnte so nicht weiter trainieren. Besuche bei Orthopäden und Physiotherapeuten halfen nicht. Ich musste meinen ehrgeizigen Plan überdenken. Die Jungs und ich beschlossen, dass wir auf jeden Fall, auch trotz meiner gesundheitlichen Schwierigkeiten, gemeinsam an der Startlinie auf der Verrazzano Bridge stehen würden. Ob, wie und wann ich das ersehnte Ziel im Central Park erreichen würde, stand jedoch in den Sternen.
Der Tag der Abreise nach New York kam. Am Tag vor dem Marathon versuchte ich mit meinen Kindern im Central Park noch ein wenig zu joggen, merkte aber gleich, dass mir mein eigenes Bein im Weg stand, und es am nächsten Tag ein auswegloses Unterfangen werden würde.
Die Kids fragten mich noch, wieviel Prozent Chancen ich mir selbst für das Rennen geben würde, dafür, das Ziel doch irgendwie zu erreichen. „5 Prozent“ lautete meine Antwort, an mehr glaubte ich nicht. Gemeinsam suchten wir vorsorglich auf der Karte nach jener U-Bahn-Station, welche am nächsten der Verrazzano Bridge liegt. Rund fünf Kilometer entfernt war diese Station meine vorgesehene Anlaufstelle für den Fall, dass mich meine Beine nicht weiter tragen würden. Die Bahn sollte mich dann in den Central Park bringen, wo Laura warten würde.
Dann kam der große Tag: Es hieß um vier Uhr aufstehen, mit dem Taxi ging es zum Bus-Treffpunkt, von wo aus um 5.30 Uhr rund 1.000 Busse alle Teilnehmer nach Staten Island zum Start brachten.
Wir hatten einen eigenen Bus der Firma New Balance, welche uns für das NYC-Marathon-Projekt mit Schuhen und Sport-Bekleidung ausgerüstet hatte. Im großen Startgelände wurden wir in einem eigenen Zelt von der Firma empfangen und konnten so die Zeit bis zum Start um 11 Uhr totschlagen. Dann stieg die Spannung – nicht nur bei meinen Jungs, sondern auch bei mir. Immerhin passiert es nicht so oft, dass man als Vater mit seinen Söhnen am berühmtesten Marathon der Welt mit 55.000 anderen Läuferinnen und Läufern teilnimmt.
Kurz vor dem Start wurde noch gemeinsam die amerikanische Hymne gesungen: pure Gänsehaut bei super Indian Summer Wetter.
Noch zwei Minuten zum Start: Fast wie ein Befehl kam es von meinen Jungs: „Vater, mach bitte keinen Blödsinn. Nimm die U-Bahn. Wir sehen uns im Central Park.“ Kurzes Abklatschen, eine Umarmung. „Mochs guet!“
Startschuss und weg waren sie. Ich sah nur mehr für kurze Zeit ihre roten T-Shirts, dann wurden sie von den x-tausenden Läufern verschluckt.
Das Rennen
Ich versuchte inzwischen, schnell zu gehen, ein wenig zu joggen, aber am Ende der drei Kilometer langen Brücke merkte ich schon, dass es mit dem Joggen nicht gehen würde. Jedes Mal, wenn ich meinen linken Fuß auf den Asphalt aufsetzte, fuhr mir ein stechender Schmerz in die Sehne.
Also ging ich einfach weiter. Bei Kilometer 5 und der U-Bahn-Station angelangt, dachte ich mir „Nein, diese Station nehm ich noch nicht“. Die Stimmung entlang der Strecke war unbeschreiblich. Ich kannte es ja schon von meinem Lauf 1979. Rund 2,5 Millionen Zuseher links und rechts der Laufstrecke pushen die Läufer durch alle fünf NYC-Stadtteile.
Ich versuchte, den Schmerz im Bein etwas abzufangen, indem ich das Gewicht und den Aufprall mehr auf meinen rechten Fuß verlagerte. So gelangte ich nach Brooklyn und bei circa 12 Kilometern klopfte mir ein Polizist auf die Schulter und rief „Go Alzheimer!“ (Ich trug ein Shirt mit der Aufschrift: Run For Alzheimer South Tyrol).
Beim Start war ich noch nahe daran gewesen, aufzugeben (Gesundheit geht vor), doch spätestens bei Kilometer 21 hatte ich diesen Gedanken verdrängt. „Ab der Hälfte gehts heimwärts“, was die Distanz anbelangt. Ich wusste natürlich von meinen anderen gelaufenen Marathons, dass das Schwierigste erst noch kommt – so ab Kilometer 35, wo der unter Läufern berühmte „Mann mit dem Hammer“ wartet.
Ich machte mir selbst Mut. So erreichte ich den Stadtteil Queens, wo bei Kilometer 25 die berüchtigte, nicht enden wollende Queensboro Bridge zu bewältigen war. Am Ende der Brücke war eine Erste-Hilfe-Station, wo man versuchte, mir mit Eis und Spray die Sehne zu „reparieren“. Nach einigen Minuten humpelte ich weiter, bekam aber nach wenigen Kilometern Krämpfe in beiden Beinen. Ich versuchte mich an einem Baum abzustützen und ein wenig Stretching zu machen. Fast zur gleichen Zeit kamen zwei weitere Läufer hinzu und wir standen gemeinsam um den Baum herum, keiner sagte etwas, jeder hatte mit sich selbst seine Müh und Not. Mein Körper war am Ende, aber mein Kopf sagte: „Du schaffst das“, auch weil ich immer wieder Läuferinnen und Läufer getroffen habe oder mich sogar welche überholt haben mit Prothesen oder welche, die im Rollstuhl saßen. Einen von ihnen werde ich nie vergessen: Mit einem Bein und auf zwei Krücken gestützt, überholte er mich in den Bronx bei Kilometer 35.
Ich sagte mir immer wieder „Alfred, eigentlich fehlt dir ja nichts, du schafft das “. Dann fiel mir ein, wie ein Freund von mir (Walter Ferrari) erzählt hat, dass er bei seinen Ultraläufen mit dem Schmerz gesprochen hat. So sprach auch ich immer wieder mit meiner Achillessehne und sagte ihr: „He wir sind doch Freunde, nicht Feinde!“
Ich stellte mir immer wieder vor, schon hinter der Finish Line zu sein und nicht das Ziel noch vor mir zu haben, auch das hat mir sehr geholfen. Bei Kilometer 37 musste ich nochmals eine Doc Station aufsuchen. Diesmal legte man mich auf ein Notbett und behandelte meine Sehne. Als ich da lag, versuchte ich in Gedanken, die letzten noch vor mir liegenden 5 Kilometer zu bewältigen. Ich stellte mir die alte Fleimstalerbahntrasse vor – meine Trainingsstrecke zuhause in Montan –, welche genau 5 Kilometer lang ist und wo ich jeden Stein und Strauch kenne. Vom Notbett runter ging ich weiter, in Gedanken aber die 5 Kilometer auf der Bahntrasse von oben nach unten.
So erreichte ich nach 42,195 Kilometern oder 26,2 Meilen, nach 57.000 Schritten und rund 6 Stunden für 13.000 Südtiroler Demenzkranke und deren Familien humpelnd, müde, abgekämpft, aber unbeschreiblich glücklich das Ziel des NYC-Marathons im Central Park in Manhattan.
Diesen Marathonlauf würde ich durch keinen meiner vorherigen 29 Marathons ersetzen wollen. Ich habe vor allem sehr viel positive Energie aus den New Yorker Straßen mit nach Hause genommen. Ich habe mich auf der gesamten Strecke niemals gefragt „Warum machst du das?“. Im Gegenteil, ich bin unendlich dankbar, dass ich mit 67 Jahren und gemeinsam mit meinen Kindern dieses einzigartige „Geschenk“ miterleben durfte.
Meine Eindrücke
Immer wieder wird mir die Frage gestellt, was sich von 1979 bis jetzt in New York verändert hat ?
Vor allem die Sicherheitskontrollen nicht nur am Flughafen, sondern überall in der Stadt.
Gleich geblieben ist die Begeisterung der New Yorker für den Marathon,
sowie immer wieder die Frage an uns Teilnehmer:
„HAVE YOU FINSIHED“, sie fragen dich nicht welche Zeit du gebraucht hast oder welche
Platzierung, für sie sind alle 55.000 Sieger!
Alfred Monsorno
Ein besonderer DANK für IHRE Unterstützung geht an:
Meine Kinder Thomas, Benjamin und Laura, meine Lebenspartnerin Gertrude,
an LH Arno Kompatscher, Barbara Zanetti, Julian Tschager, Andreas Augschöll, Gudrun Brugger,
Patrick & Unterland Fitness, Luisa & Franz Haas, Jürgen & Thomas Braun,
Tanja & Thomas Untermarzoner, Freddy Steger & Exzelent RE, Veith Berger & Auto Brenner,
Serena & Loredana & New Balance, Robert Zampieri & Bergmilch Südtirol, Dr. Michl Ebner,
Hermann Achmüller, Thomas Hochkofler, Paul Rösch, Leo Tiefenthaler, Lisa Cassar,
Miriam Tessadri, Elmar Thaler & Effekt, Jessica Wenzel & Brütting,
Fabrizio & X Sport, Roberto Oro, Martin Pichler, Rosita Pirhofer, Fam. Santa Ulrich,
Fam. Scherlin Markus, Fam. Varesco Thomas, Karin Postingel, Walter Ferrari,
Othmar Saltuari, Inge Girardi, Thomas Walter, Lukas Varesco, Rai Südtirol, Südtirol 1,
Athesia, Dolomiten, Stol, Alto Adige, Die Südtirolerin, Montaner Dorfblatt und viele andere mehr.
Es wurden insgesamt ca. 20.000 Euro an Spendengeldern für dieses
einzigartige Charity-Projekt gesammelt.
„GLAUB AN DICH“ und vieles ist möglich!





























